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Brücken von der Gegenwartskunst zur musealen Kunst

Eva-Maria Stange über bildende Künste, staatlichen Einfluss und den Kunstmarkt in Sachsen

Verstärkt bemüht sich das sächsische Kunstministerium derzeit um Begegnungen mit zeitgenössischen bildenden Künstlern durch Ausstellungen in seinem Haus sowie Atelierbesuche oder beim im Februar erstmals veranstalteten „Kulturfrühstück“ in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD). Eva-Maria Stange (SPD), Sachsens Ministerin für Wissenschaft und Kunst, sprach mit den DNN über Möglichkeiten und Grenzen staatlicher Hilfestellung im Bereich bildende Kunst.

Frage: Welche Ziele verfolgen Sie für das Ministerium und für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit dem Kontakt zu bildenden Künstlern?

Eva-Maria Stange: Ich bin SKD-Generaldirektorin Marion Ackermann sehr dankbar, dass sie unsere Anregung aufgenommen hat und hier ähnlich engen Kontakt zu den aktuellen Künstlerinnen und Künstlern sucht, wie sie es in Düsseldorf getan hat. Ich bin mir sicher, dass sich durch diesen direkten Kontakt neue Wege des Miteinanders finden werden, beginnend mit Gedankenaustausch und gegenseitiger Inspiration.

Es gibt das lebendige aktuelle Kunstschaffen und den auf eine historische und überregionale Bestandsqualität ausgerichteten Museumsbetrieb. Wo liegt das Entwicklungspotenzial am Schnittpunkt beider Sphären?

Für die zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler Sachsens gibt es einen Königsweg, Kontakt zu früheren Künstlern aufzunehmen – über die Museen mit ihren Archiven. Die Staatlichen Kunstsammlungen sind mit ihrem großen Fundus und mit ihrer Erfahrung als Forschungsmuseum dafür der ideale Partner. Warum sollen sich daraus nicht sogar gemeinsame Forschungsprojekte ergeben, wenn sich aktuelle Künstler für Leben und Schaffen früherer Maler, Grafiker und Bildhauer interessieren? So entstehen Brücken von der Gegenwartskunst zur musealen Kunst. Das muss für heutige Künstler doch hochinteressant sein. Das Archiv der Avantgarden bietet sich dafür in naher Zukunft auch an, durch zeitgenössische Künstler erschlossen zu werden.

Verstehen Sie es als Verantwortung des Ministeriums, der zeitgenössischen Kunstvermittlung Auftrieb zu geben und die Museen vor Ort zur Nutzung von spezifischen Künstlerangeboten zu ermuntern, vor allem in einem schwach aufgestellten Kunstmarktfeld?

Der Kunstmarkt ist Angelegenheit der Galerien, da sind wir als Kunstministerium zur Neutralität verpflichtet. Es ist aber gut möglich, dass aktuelle Künstler durch die Kontakte zu den Staatlichen Kunstsammlungen bekannter und so Galerien oder Käufer auf sie aufmerksam werden. Eventuell kann das Zentrum der Kultur- und Kreativwirtschaft, das vom Freistaat Sachsen gefördert wird, von den Erfahrungen der SKD profitieren.

Gibt es in dieser Hinsicht eine ostdeutsche Spezifik?

Unsere kulturelle Infrastruktur und die Kunsthochschulen helfen, die Marktzugänge für Künstlerinnen und Künstler zu erleichtern. Ich denke hier an Formate wie die Grassi-Messe im Grassi-Museum für Angewandte Kunst in Leipzig, die Sächsische Designpreis-Verleihung oder weitere Kunstpreise. Auch Museen und Stipendien, von der Kulturstiftung geförderte Projekte wie Symposien und Kunst-am-Bau-Vorhaben zeigen etwa das Engagement des Freistaates für die Künstler. Hinzu kommen die Förderungen der Kulturräume und Kommunen. Doch der öffentliche Sektor kann den Markt zwar anregen, aber nicht ersetzen. Der Kunstmarkt im Osten Deutschlands ist leider noch immer unterentwickelt, obwohl sich etliche engagierte Galeristen hier angesiedelt haben. Wenn man die vorhandene Kaufkraft oder die Ankaufetats für öffentlich-rechtliche oder auch private Museen betrachtet, dann stellt man fest, dass es anderswo mehr Potenziale gibt als in Sachsen. Das ist bestenfalls allmählich aufzuholen.

Wie kann staatlicherseits ein lebendig sich entwickelndes Kunstleben in seiner freien Existenz und in der Heranbildung eines nachwachsenden Publikums durch die Rahmenbedingungen und strukturell ggf. noch weiter unterstützt werden?

Verwaltung und Kulturinstitutionen können Freiräume schaffen und Räume bereitstellen, damit Kunst sich entfalten kann. Man sollte nicht nur auf die Ankäufe durch die Kulturstiftung oder die Museen schauen, sondern auch sehen, was anderweitig getan wird, um Kunstproduktion sichtbar zu machen. Da lassen sich auch die öffentlichen Atelierbesuche des Staatssekretärs und die Ausstellungen im Ministerium als Beispiel anführen. Zudem gibt es Messeförderungen auch für Künstler und künftig das beratende Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft. Staatliche Verwaltung kann einen Rahmen schaffen, damit Kunst sich entwickeln kann. Dies gilt insbesondere auch für die wichtige Arbeit der sieben Jugendkunstschulen im Freistaat, die über 22 000 Kinder und Jugendliche pro Jahr erreichen. Daneben besteht die Möglichkeit, über die Förderrichtlinie Musikschulen/Kulturelle Bildung, genau wie jeder andere gemeinnützige Träger in Sachsen, Mittel für die Projektarbeit im Bereich der kulturellen Bildung einzuwerben.

Was kann zeitgenössische bildende Kunst im Dialog mit der Gesellschaft leisten?

Wir haben in Dresden dafür jüngst ein musterhaftes Beispiel anhand des temporären Kunstwerks „Monument“ des syrisch-deutschen Künstlers Manaf Halbouni erlebt. Die drei Busse, die einer Straßensperre im bürgerkriegsgeplagten Aleppo nachempfunden wurden, erzeugten weit über Dresden hinaus Interesse. Es gab Debatten. Das ist Absicht und Bestandteil des Kunstwerks. Wenn über zeitgenössische Kunst diskutiert wird, setzt man sich mit ihr auseinander, aber zugleich mit sich und der Gesellschaft, mit seinen Werten, mit seiner Fähigkeit, Konflikte auszutragen. Ich wünsche mir, dass diese Diskussionen bei aller Emotion sachlich und fair bleiben und den anderen, auch den Künstler, respektieren. Kunst kann und soll zuspitzen, irritieren und im besten Fall den gesellschaftlichen Dialog befördern – besser als jedes gut gemeinte Dialogforum.

Wie kann sich die Ostrale als internationale Kunstbiennale in Dresden begründen und behaupten?

Sie muss eine hohe, in der Fachwelt auch überregional geschätzte Reputation erwerben. Dafür braucht es eine kontinuierliche Entwicklung mit einem roten Faden und zugleich einem offenen, breiten Konzept, das sich weiterentwickelt, auch mit internationalen Partnern. Sie braucht Akzeptanz und Verbündete in der Dresdner Stadtgesellschaft, auch über die Kunstszene hinaus. Und sie muss eine gute Balance zwischen jungen und namhaften, zwischen internationalen und regionalen Künstlerinnen und Künstlern, Kuratorinnen und Kuratoren entwickeln. Sie muss aktuelle inhaltliche und ästhetische Themen setzen und dann auch umsetzen. Sie muss Alleinstellungsmerkmale im dichten Netz von überregionalen Kunst-Events finden und mit langem Atem daran arbeiten.

Was schätzen Sie ganz persönlich an bildender Kunst?

Wenn sie mich auf einer Ebene anspricht, die über die nüchterne Alltagslogik und die oft abstrakte Denkwelt hinausgeht. Gute Kunst ist genau so präzise wie die Sprache der Juristerei, der Betriebswirtschaft oder der Naturwissenschaften – nur eben anders und höchst subjektiv. Und da gibt es Kunstwerke, die mich ganz direkt mit ihrer Sinn- und Sinnenhaftigkeit ansprechen, die mir – indem ich mich auf das Kunstwerk einlasse – eine neue Perspektive vermitteln und mir im besten Fall einen Denkanstoß geben, wie sich meine Sicht der Dinge weiterentwickeln könnte. Das meint nicht nur Aufheiterung, sondern auch sehr ernste Werke können anrühren und sehr stärken – gerade, wenn wir dies am dringendsten brauchen. Ich habe ein kleines Bild, das meine Tochter im Alter von 16 Jahren gemalt hat. Auf einer offenen Hand steht eine brennende Kerze vor einem dunklen Hintergrund. Ich betrachte es sehr oft, denn es vermittelt mir viel über die innere Welt meiner Tochter in diesem Jugendalter.

 

 

Dresdner Neueste Nachrichten, 04.07.2017 von Lydia Hempel